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Soldat Jens Ruths

Das Zoologische Forschungsmuseum Alexander Koenig in Bonn ist ein Naturkundemuseum und zugleich ein historisches Baudenkmal. Für mich persönlich eines der schönsten Museen Deutschlands! Ich war in den Räumlichkeiten vor einigen Jahren bereits an einer Afrika-Ausstellung beteiligt.

Nach kurzer Kontaktaufnahme mit der Pressestelle erhielt ich die Erlaubnis, für unser Fotoprojekt "Gesichter des Lebens” dort zu fotografieren. Danke! Das Museum Koenig war einst repräsentativer Sitz des parlamentarischen Rates. Die Keimzelle der Bundesrepublik und auch des Grundgesetzes! Was für ein denkwürdiger Ort.

 

Ich erhielt beim veröffentlichen des ersten Fotos folgendes geschrieben:

"Ein sehr geschichtsträchtiger Ort. Dort wurde 1948 das Grundgesetz entschieden, im Museum König. Mit einem Veteran im Bild der es verteidigt und sogar seine Unversehrtheit dafür gegeben hat. Danke an den Kameraden. Welch eine Symbolik steckt hinter diesem Bild. Grandios. Danke demipress für diese Bilder und das du dem unsichtbaren Veteran ein Gesicht und eine Geschichte gibst. Herzlichst Christophe Böckling". 

 

Hier also treffe ich nun für unser Shooting den Soldaten Jens Ruths, 45 Jahre alt, Stabsfeldwebel, Berufssoldat. Der Vater von vier Kindern wohnt in Darmstadt. Seine Familie ist der sichere Ankerplatz in seinem bewegten Leben.

Soldat Jens Ruths beim Fotoshooting "Gesichter des Lebens"
Soldat Jens Ruths beim Fotoshooting "Gesichter des Lebens"

„Ich wollte schon von Kindesbeinen an Soldat werden, Fallschirmspringer! Ich hatte kein anderes Ziel. Also bewarb ich mich als Zeitsoldat und ging jeder Möglichkeit nach, um Fallschirmspringer zu werden. Dann endlich bekam ich die Stelle als Luftlandepionier - man springt raus und nach drei Sekunden geht der Fallschirm auf. Das ist einfach nur geil!”

Soldat Jens Ruths beim Fotoshooting "Gesichter des Lebens"
Soldat Jens Ruths beim Fotoshooting "Gesichter des Lebens"

Du bist jetzt seit sechsundzwanzig Jahren Soldat und warst auch im Auslandseinsatz, richtig?

 

„Ja! Ich war 1999 im Kosovo eingesetzt und habe bei der Rettung meines Zugführers meinen linken Unterschenkel verloren. Ich bin während seiner Rettung selbst auf eine Mine getreten.”

 

Die Erinnerung an den tragischen Unfall im Kosovo bewegt Jens immer noch stark. 

„Ich habe keinen Kontakt zum verunglückten Kameraden. Er verlor dabei selbst seinen rechten Unterschenkel. Doch ich konnte sein Leben retten. Nur das zählt! Er hat sich damals im Krankenhaus bei mir bedankt. 

Ich war in jener Zeit noch Zeitsoldat und hatte quasi schon meine Kündigung in der Hand. Laut Gesetz wurde man als Zeitsoldat mit solcher Schädigung damals entlassen. Mein Vater hat dann für mich gekämpft: für meine Versorgung, meine Ansprüche und gegen die Kündigung. Der gerettete Berufssoldat hat sich nicht weiter um mich gekümmert.”

 

Jens was hat dir persönlich am meisten geholfen zurück ins Leben zu kommen ?

 

„Ich habe sehr schnell realisiert dass Fuß und Bein fehlten. Als ich in Koblenz mit dem Hubschrauber ankam, fragte ich den Arzt ob das dritte Bein noch okay sei und er antwortete ja. Dann ließ ich mich operieren.

Behindert beziehungsweise beeinträchtigt hat mich sehr lange mein Stumpf, der irgendwie nicht richtig heilte. Ich konnte ihn nicht belasten. Mein ganzes Leben hat sich zwischen Couch und maximal 500 m im Umkreis davon abgespielt. Erst als ich im Jahr 2018 eine neue Prothesenversorgung erhielt, begann ich endlich wieder aufzuleben. Ich konnte dann irgendwann sogar wieder Sport treiben.”

 

Fast zwanzig Jahren Leidenszeit! Ich kann es nicht fassen.

  

Wie kann es dazu kommen?

 

„Ich bin Berufssoldat und unterliege somit der Versorgung durch die Bundeswehr, auch was die Prothesenversorgung betrifft. Aber es gibt keinen Orthopädietechniker mehr bei der Bundeswehr! Also verschreibt der Truppenarzt ein Rezept für eine Prothese, damit geht man zum zivilen Orthopädietechniker welcher deine Prothese baut. Zwischendrin bist du noch bei der Physiotherapie und jeder macht sein eigenes Ding. 

Erst als ich 2017 in der Sporttherapie des Zentrum´s für Sportmedizin der Bundeswehr, in Warendorf unterkam, bemerkten dort Orthopäden, Physiotherpeuten und Herr Dr. Lison dass meine Prothese nicht richtig passt.”

 

Wie bist du zur Sporttherapie gekommen?

 

Im Jahr 2017 sollte ich keine Physiotherapie mehr erhalten, da es nach fast 20 Jahren nicht mehr benötigt wurde, wie man mir sagte. Ich hatte aber weiterhin Schmerzen und fühlte mich wie ein „Couch-Potato”. Ich wurde zu einem Facharzt überwiesen, dieser war gleicher Meinung, keine Therapie erforderlich. Also schrieb ich eine Eingabe und wurde zur Begutachtung an Dr. Lison in Warendorf überwiesen. Er nahm mich dann in die Sporttherapie auf. Mein Glück!

 

Kein Vorgesetzter, kein Hinweis vorher darauf, dass es bereits seit 2012 dieses qualifizierte Team in Warendorf gibt. Ich hätte fünf Jahre eher dort hinkommen können. Das macht mich sehr sehr traurig!”

 

Ich bin sprachlos. Fast zwanzig Lebensjahre Leid eines Menschen. Fünf Jahre vergangen, in denen Jens eine Erhöhung der Lebensqualität hätte haben können. Die Sporttherapie ist als Gesamtkonzept zu sehen, auch bei seelischen Einsatzschädigungen wie auch bei körperlichen Verletzungen. Gesunde Seele - gesunder Körper!

Soldat Jens Ruths beim Fotoshooting "Gesichter des Lebens"
Soldat Dieter Dürr beim Fotoshooting "Gesichter des Lebens"
Soldat Jens Ruths beim Fotoshooting "Gesichter des Lebens"
Soldat Jens Ruths beim Fotoshooting "Gesichter des Lebens"

Jens, was muss sich ändern?

 

„Das Modell der Sporttherapie muss mehr in die Breite gebracht werden und mehr Standorte erhalten. Ich weiß, es soll auch umgesetzt werden, aber wann? Da gibt es nämlich Kameraden, die haben nicht dieses stabile Umfeld wie ich. Sie sind ziemlich allein oder haben einfach keine Kraft mehr. Suizid wird dann ein Thema und das darf nicht sein!”

 

Soldat Jens Ruths fotografiert Nikon Z7II und Nikkor Z 50mm F/1: 1,2 S
Soldat Jens Ruths fotografiert Nikon Z7II und Nikkor Z 50mm F/1: 1,2 S
Soldat Jens Ruths fotografiert Nikon Z7II und Nikkor Z 50mm F/1: 1,2 S
Soldat Jens Ruths fotografiert Nikon Z7II und Nikkor Z 50mm F/1: 1,2 S

Jens erzählt mir während unseres Shooting dass sich nach seinem Unfall auch Familie und Freunde verändert haben.

 

Was wünschst du dir im allgemeinen Umgang mit Menschen, die eine körperliche Schädigung haben?

 

„Egal was passiert ist, fragt direkt den Betroffenen was er hat, wie es passiert ist oder warum? Es gibt nichts Schlimmeres als das Getuschel der Leute. Ich habe das so oft erfahren müssen. Daran zerbrechen manchmal Familien oder Freundschaften.”

Soldat Jens Ruths fotografiert Nikon Z7II und Nikkor Z 50mm F/1: 1,2 S

Meine ❤️Bildstrecke von Jens

Jens Ruths war bereits 2018 in Sydney Teilnehmer der Invictus Games. Seine Tattoos auf den Armen lassen erkennen, wie wichtig ihm das ist. Im September 2023 wird er wieder Teil der Mannschaft für die Sportveranstaltungen für Versehrte sein. Glückwunsch!

 

„Im Oktober soll das erste Trainingslager starten. Da probieren wir dann die Sportarten aus, welche wir gerne belegen möchten. Ich würde gerne Rudern und Radfahren wählen. Beim Sport trage ich nun eine Prothese mit mehr Bewegungsfreiheit. Es ist ein so tolles Gefühl, mich zu bewegen und meinen sportlichen Aktivitäten nun nachgehen zu können."

 

Seine Augen leuchten vor Begeisterung während er davon erzählt und mir wird bewusst "Dani du fotografierst nun den ersten Teilnehmer der Invictus Games 2023" bei "Gesichter des Lebens". 

Soldat Jens Ruths fotografiert Nikon Z7II und Nikkor Z 50mm F/1: 1,2 S

Wir testeten natürlich auch die Kondition von Jens 😉 direkt vor dem Museum König.

Jens, bist du heute zufrieden?

 

„Ja, das bin ich! Ich kann wieder Sport treiben, bin bei den Invictus Games 2023 dabei und habe meine kleine Familie! Aber für meine Frau würde ich mir wünschen, dass sie mehr Zeit für sich selbst hätte.”

 

Soldat Jens Ruths fotografiert Nikon Z7II und Nikkor Z 50mm F/1: 1,2 S
Soldat Jens Ruths fotografiert Nikon Z7II und Nikkor Z 50mm F/1: 1,2 S
Lieblingsfoto ❤️ vom Shooting mit Jens

 Um viel mehr von Jens Ruths zu erfahren,

hört dazu gerne auch das Interview zum Shooting hier auf der Website.

Soldat Jens Ruths fotografiert Nikon Z7II und Nikkor Z 50mm F/1: 1,2 S
Das zweite ❤️Foto von Jens .... die Spiegelung

Unser Gespräch während des Shootings habe ich aufgenommen und ich veröffentliche es hier. Zuhören ist ein wichtiger Teil meines Fotoprojektes „Gesichter des Lebens“. Ich schenke den Menschen Zeit und meine volle Aufmerksamkeit . 

Fotografiert Nikon Z7II und Nikkor Z 50mm F/1: 1,2 S
Soldat Jens Ruths fotografiert Nikon Z7II und Nikkor Z 50mm F/1: 1,2 S

Heute habe ich also einen Soldaten in dem Gebäude fotografiert, wo das Grundgesetz geschrieben wurde, dieser seinen Eid auf das Grundgesetz schwor, einem Menschen bei einem Auslandseinsatz das Leben gerettet hat, dabei auf eine Mine getreten ist und sein linkes Bein verlor. Eine zutiefst berührende Lebensgeschichte!

 

Das intensive heutige Shooting und Jens seine intensiven Erzählungen wühlen mich emotional auf und gleichzeitig bin ich unwahrscheinlich stolz, dass Jens Ruths an unserem Projekt "Gesichter des Lebens" teilnimmt und sein Gesicht des Lebens zeigt.

 

Jens Ruths, mein herzliches Dankeschön für unsere gemeinsam verbrachte Zeit!

Alles Liebe und Gute weiterhin für Dich und deine Familie ❤️!


Es schliesst sich für mich ein weiterer Kreis als Mensch und als Fotografin. Beim Fotografieren braucht es Empathie um Menschen zu berühren, zu verbinden, sichtbar zu machen. Mit meinem fotografischen Blick auf die Menschen, Soldaten, Veteranen gehe ich einen weiteren Schritt. Zu wissen das mein / unser Projekt "Gesichter des Lebens" dabei wächst, macht mich stolz, da ich die Menschen liebe und gerne fotografiere.

 

Soldat und Veteran sein heisst auch: Mensch sein. Sehen-Spüren-Fühlen. "Gesichter des Lebens" versucht dies sichtbar zu machen.

 

Ich möchte Danke sagen, an meine Herzensmenschen die mich unterstützen und tragen und mir immer wieder Tipps geben zu meinem Fotoprojekt. Danke an meinem geliebten Lebenspartner und an meinem Sohn. Ein dickes Danke nach Kenia an meine liebste Freundin Iris die sich verantwortlich zeichnet für die Texte. Danke an meine liebste Freundin Edda, die mich immer stärkt und mich unterstützt. Danke an Simone und Heike meine Fotografinnen Gang und wunderbare Freundinnen und Frauen. 

 

Es ist schön, wenn Ihr hier mit dabei seit. Danke ❤️. 

 

Fotografiert wird mit Nikon Z7II und dem Nikkor Z 50mm F/1,2S und Nikon Z6II und dem Nikkor Z 85mm f/1.8S.

„Genderhinweis: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf eine geschlechtsneutrale Differenzierung verzichtet. Entsprechende Begriffe gelten im Sinne der Gleichbehandlung grundsätzlich für beide Geschlechter. Die verkürzte Sprachform beinhaltet keine Wertung.“

Hinterlasst mir hier gerne einen Kommentar, ich freue mich darauf. Danke!

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Kommentare: 1
  • #1

    M. Müller (Freitag, 19 August 2022 15:00)

    Danke für diesen bewegenden Bericht, der auch mit Kritik nicht unbedingt spart. Es mahnt und bewegt. Ich wünschen den Kameraden Ruths eine gute Gesundheit und sage Danke für dieses Fotoportrait und das Interview. Meine Hochachtung und ich hoffe das unser Arbeitgeber hier mitliest, schaut und hört.
    Daniela Ihnen gilt meine Hochachtung vor Ihrer Arbeit als Fotografin, ich habe noch nie so intensive Fotografie gesehen. Hochachtung vor dem Öffentlichmachen aller Kameraden hier bei diesem Projekt, es muss sehr viel Vertrauen da sein bei den Shootings und Gesprächen.
    Herzlichst M. Müller