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Soldat Meik Briest

Meik Briest erinnert sich:

„Sie riefen: Mina! Mina!

 

Ich war der Mann von meinem Trupp der nahe dran war. Es gab eine Regel, nach der immer nur einer aus dem Trupp zum potenziellen Gefahrenort geht, um sich einen kurzen Überblick zu verschaffen. Das weitere Vorgehen wurde danach besprochen. In diesem Fall handelte es sich um mehrere Streubomben vom Typ BLU 97. Auf dem Weg zurück zum Fahrzeug tauchte plötzlich ein Einheimischer auf mit so einem Ding in den Händen. Ich versuchte ihm klarzumachen, er möge das Teil vorsichtig wieder ablegen, was er auch tat. Trotzdem ist sie aufgrund ihres sehr fragilen Zündsystems detoniert. Entfernung waren zirka ca. 25 Meter.

 

Meik spricht langsam und bedächtig, als müsse er die Erinnerungen vorsichtig von ganz tief unten hochholen.

Als er nach der Explosion der Streubombe wieder einigermaßen denken konnte, spürte er schockiert dass etwas Schlimmes mit seinem Gesicht passiert war.

Er wurde noch am Unglücksort medizinisch erstversorgt, im Kosovo notoperiert und schließlich nach Deutschland ausgeflogen. Im Zentralkrankenhaus der Bundeswehr in Koblenz begann ein Behandlungsmarathon, kompliziert und bis heute andauernd.

Meik ́s rechte Gesichtshälfte war nur noch ein einziges Loch.

Dies geschah im Juli des Jahres 1999.

Soldat Meik Briest beim Fotoshooting "Gesichter des Lebens"

Ich treffe den siebenundfünfzigjährigen Oberstabsfeldwebel Meik Briest im März 2022 zum Fotoshooting mit anschließendem Interview für mein Fotoprojekt "Gesichter des Lebens".

Eigentlich wollte ich den Mann in der auffällig mit Auszeichnungen behängten Uniform bei schönstem Licht auf dem Platz der "Neuen Galerie" in Berlin fotografieren, doch der Morgen ist so kalt. Wir verlegen kurzerhand unser Shooting in den Eingangsbereich der Kunstgalerie.

 

Meik ist bereits seit vierzig Jahren Soldat. Momentan versieht er seinen Dienst am Truppenübungsplatz Altengrabow.

Soldat Meik Briest beim Fotoshooting "Gesichter des Lebens"

Mir ist wichtig, dass ich meine Fotoshootings zu „Gesichter des Lebens“ in der Öffentlichkeit durchführe, um in Kontakt zu anderen Menschen zu kommen. Genau dies geschieht immer wieder, auch bei Meik seinem Fotoshooting. Bereits beim Eintritt in die "Neue Galerie" interessiert sich ein Herr für Meik`s Uniform.  Fotografie die sichtbar macht.

Natürlich interessiert mich seine außergewöhnliche Tätigkeit in der Kampfmittelbeseitigung bei der Deutschen Bundeswehr.

 

Wie kamst du dazu?

„Wichtig ist erstmal die Ausbildung zum Feuerwerker mit vielen Lehrgängen in Naturwissenschaften und Munitionstechnik. Dann erfolgte eine Spezialisierung zum Kampfmittelbeseitiger. 1996 und 1997 belegte ich diese Lehrgänge mit einem Verwendungslehrgang und wirkte dann in einem Kampfmittelbeseitungstrupp. Heute bin ich als Schießsicherheits - Feldwebel eingesetzt und nebenbei bilde ich auch noch Soldaten für die verschiedenen Einsatzkontingente im Bereich Counter-IED aus.

Ich habe schließlich Erfahrung aus erster Hand, wenn auch nicht aus allen Einsätzen.“ Meik lächelt.

 

Eine gewisse Ironie zeichnet seinen Humor aus. „Als Kampfmittelbeseitiger ist jeder Einsatz anders. Du musst mit deinem Trupp immer wieder eine neue Lösung finden. Jede Munition, die wir entschärfen, bedeutet eine Gefahr weniger für die Menschen und vor allem die Kinder.

Dies zu tun gibt ein gutes Gefühl und macht auch ein bisschen stolz!“ Meik‘s Gesicht leuchtet kurz auf.

Soldat Meik Briest fotografiert Nikon Z7II und Nikkor Z 50mm F/1: 1,2 S

Er erzählt mir wie er seinen beruflichen Weg von der früheren NVA Armee der DDR fortgesetzt hat.

„Ich war sieben Jahre lang tätig in der Spezialaufklärung, dann sechs Jahre Versorger in einem Sanitätsbataillon. Danach wollte ich nochmal was Neues tun. Ich wurde Feuerwerker! Im Jahr 1999 hatte ich dann meinen ersten Auslandeinsatz im Kosovo und dabei ist gleich was schiefgelaufen. Ich bin ein Kollateralschaden!“

 

Dieses furchtbare Ereignis konnte Meik Briest zum Glück nicht die positive Lebenseinstellung und seine Lebensfreude nehmen. Im Gegenteil, aufgrund seiner sichtbaren Einsatzschädigung ist sein Leben noch intensiver geworden. Meik wagt ein mildes Lächeln, während er von dem Unglück spricht. Andere Menschen können ihre Unfälle vielleicht eher vergessen, doch Meik wird beim Blick in den Spiegel wohl täglich daran erinnert.

 

Wie bist du mit dieser belastenden Lebenssituation umgegangen?

Es dauert ein paar Sekunden ehe Meik antwortet: „Die ersten drei, vier Jahre habe ich mich immer gefragt, was ich verkehrt gemacht habe. Hätte ich es verhindern können?

Das hätte ich aber nur, wenn ich mich nicht gekümmert hätte. Ich hatte aber die Aufgabe, für ein sicheres Umfeld für die Menschen zu sorgen. Dies war die Situation. Ja, ich hätte die einheimischen Bauern einfach stehen lassen können und wir wären einfach weitergefahren. Es war aber meine Aufgabe und wer sollte es denn sonst machen?

Es ist mein Job!“

 

Wer war wichtig in der Zeit deiner Genesung?

„Meine Famile - meine Frau und meine Kinder! Es war nicht leicht. Mein Aussehen hat sich ja auch verändert.

Meine Dienststelle hat mir vieles ermöglicht. Seit ein paar Jahren bin ich wieder dienstfähig.“

Fotografiert Nikon Z7II + Z6II Nikkor Z 50mm F/1: 1,2 S + Nikkor Z 85mm 1,8 S
Meine Herzensfotos von Meik und dies ist auch der Grund das ich sie farbig zeige

 Um viel mehr von Meik zu erfahren, hört dazu gerne auch das Interview zum Shooting hier auf der Website.

Soldat Maik Briest fotografiert Nikon Z7II und Nikkor Z 50mm F/1: 1,2 S

Hat sich deine Tätigkeit nach dem Unfall verändert?

„An meiner Tätigkeit hat sich nichts geändert. Ich hatte etwa fünf Jahre nach dem Unglück die Gelegenheit nochmals am Unfallort zu stehen. Dies musste ich für mich tun. Es hat mir sehr geholfen. Dabei habe ich mich auch mit den Familien der Toten und Verletzten getroffen. Wir tranken gemeinsam Kaffee und redeten. Ich wollte persönlich von den Menschen hören ob ich vielleicht doch einen Fehler gemacht habe.

Aber nein, auch sie sind der Meinung, dass es ein Unfall war. Dort entstand mit den betroffenen Familien eine besonderes Gefühl von Verbundenheit. Ich erinnerte mich, dass ich zum Unfallzeitpunkt nach der Detonation eine Stimme von weit weg hörte. Jemand packte mich am Arm und brachte mich zurück zu meinem Trupp. Es waren die Mutter und die Frau von einem der beiden, bei der Explosion ums Leben gekommenen Männer. Nun tranken wir gemeinsam Kaffee.“

 

Meik atmet durch und fährt fort: „Ich war noch vier weitere Male im Auslandseinsatz als Kampfmittelbeseitiger. 2019 hatte ich den Auftrag im KFOR Einsatz im Kosovo den Übungsplatz zurückzubauen. Das waren sehr herausfordernde vierundsechzig Tage. Die vielen Operationen und der Umgang mit dem Dienstherren, wenn es um Einsatzschädigung, geht verändern dich als Mensch und machen manchmal sogar wütend.“

Fotografiert Nikon Z7II und Nikkor Z 50mm F/1: 1,2 S
Fotografiert Nikon Z7II und Nikkor Z 50mm F/1: 1,2 S

Unser Gespräch während des Shootings habe ich aufgenommen und ich veröffentliche es hier. Zuhören ist ein wichtiger Teil meines Fotoprojektes „Gesichter des Lebens“. Ich schenke den Menschen Zeit und meine volle Aufmerksamkeit . 

Soldat Meik Briest fotografiert Nikon Z7II und Nikkor Z 50mm F/1: 1,2 S beim Fotoshooting "Gesichter des Lebens"
Fotografiert Nikon Z7II und Nikkor Z 50mm F/1: 1,2 S

Meik war übrigens Teilnehmer bei den Invictus Games in Sidney und Toronto.

 

Er hegt einen kleinen Traum, nämlich 2023 nochmal in Deutschland dabei sein zu können. „Gesichter wie meins sind bei den besagten Sportveranstaltungen für Einsatzgeschädigte noch viel zu selten. Vielleicht klappt es ja?“

 

Spürst du auch den sogenannten Invictus Geist den alle Teilnehmer beschreiben?

„Ja und dieser Geist ist ganz was Besonderes. Wir sind alle Menschen und gleichzeitig Kameraden. Wir möchten einfach nur ein bisschen Anerkennung und gleichzeitig zeigen welch unterschiedliche Soldaten mit Einsatzschädigung wir sind. Ich will nun bei „Gesichter des Lebens“ auch mein Gesicht zeigen. Ich stehe bewusst zu meiner allgegenwärtigen Verletzung die ich mir bei meinem Job eingefangen habe. Gleichzeitig möchte auch eine Vorreiterrolle geben für andere Kameraden. Auch mit unseren körperlichen Beeinträchtigungen können und müssen wir uns nicht verstecken!

 

Ich bedanke mich herzlich bei Dir Meik. Ich wünsche Dir alles Liebe und Gute!

Es war ein ganz besonderes Shooting, danke. 


Es schliesst sich für mich ein weiterer Kreis als Mensch und als Fotografin. Beim Fotografieren braucht es Empathie um Menschen zu berühren, zu verbinden, sichtbar zu machen. Mit meinem fotografischen Blick auf die Menschen, Soldaten, Veteranen gehe ich einen weiteren Schritt. Zu wissen das mein / unser Projekt "Gesichter des Lebens" dabei wächst, macht mich stolz, da ich die Menschen liebe und gerne fotografiere.

 

Veteran sein heisst auch: Mensch sein. Sehen-Spüren-Fühlen. "Gesichter des Lebens" versucht dies sichtbar zu machen.

 

Ich möchte Danke sagen, an meine Herzensmenschen die mich unterstützen und tragen und mir immer wieder Tipps geben zu meinem Fotoprojekt. Danke an meinem geliebten Lebenspartner und an meinem Sohn. Ein dickes Danke nach Kenia an meine liebste Freundin Iris die sich verantwortlich zeichnet für die Texte. Danke an meine liebste Freundin Edda, die mich immer stärkt und mich unterstützt. Danke an Simone und Heike meine Fotografinnen Gang und wunderbare Freundinnen und Frauen. 

 

Es ist schön, wenn Ihr hier mit dabei seit. Danke ❤️. 

 

Fotografiert wird mit Nikon Z7II und dem Nikkor Z 50mm F/1,2S und Nikon Z6II und dem Nikkor Z 85mm f/1.8S.

„Genderhinweis: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf eine geschlechtsneutrale Differenzierung verzichtet. Entsprechende Begriffe gelten im Sinne der Gleichbehandlung grundsätzlich für beide Geschlechter. Die verkürzte Sprachform beinhaltet keine Wertung.“

Hinterlasst mir hier gerne einen Kommentar, ich freue mich darauf. Danke!

Kommentare: 13
  • #13

    Daniela Skrzypczak (Donnerstag, 02 Juni 2022 11:48)

    Ich möchte mich bei allen Besuchern hier auf der Website bedanken, die das Shooting & Interview mit Meik gesehen und gelauscht haben. Danke für's Dabeisein bei "Gesichter des Lebens".
    Ich kann Ihnen Allen nur zustimmen, Meik ist ein bemerkenswerter Mensch und ich bin sehr dankbar das er auch am grossen Tisch von #GesichterdesLebens teilgenommen hat.
    Danke sagt die Fotografin ☺️.

  • #12

    Jörg Meyer, OStFw a.D. (Mittwoch, 01 Juni 2022 19:59)

    So geht Vorbild!
    Deutschland kann stolz auf OStFw Meik Briest sein.

  • #11

    HptFw M.S. (Dienstag, 31 Mai 2022 06:05)

    Danke Meik, für alles. Deinen Einsatz und Deine Rolle als Vorbild für alle Einsatzveteranen.
    Danke auch an die Verfasserin dafür, das Sie uns ins "Licht" holt.

  • #10

    Thore BUBLITZ (Montag, 30 Mai 2022 19:48)

    Danke Maik auch für Unsere Zeit bei der SAK 5 1988-90und unsere Resitreffen. Das Frühbeet Thore

  • #9

    HFwdR (Montag, 30 Mai 2022 19:33)

    Ich verneige mich

  • #8

    Rüdiger Haid (Montag, 30 Mai 2022 16:25)

    Danke Kamerad Meik Briest für deinen opfervollen Einsatz. Ich wünsche Dir weiterhin einen Dich begleitenden Schutzengel und soweit es geht ein gesundes, ein noch schönes und ein langes langes Leben. Glück - ab Kamerad

  • #7

    Daniela Skrzypczak (Montag, 30 Mai 2022 12:25)

    Lieber Werner und lieber Herr Zimmer,
    danke für Ihre Kommentare und Meik wird diese bestimmt auch schauen und lesen.
    Es ist schön zu lesen das diese Shooting & Interview mit Meik auf soviel positive Resonanz stösst.
    Ja er ist ein besonderer Mensch.
    Danke sagt Daniela

  • #6

    Sebastian Zimmer (Montag, 30 Mai 2022 12:19)

    Er ist ein Vorbild für alle, die einen pflichterfüllenden Job machen. Da ich ihn persönlich kennen darf, kann ich sagen, dass ich niemanden sonst kenne, der trotz seiner schweren Verletzung und daraus resultierenden Probleme seine Freude am Leben, seine absolute Kameradschaft und die Freude an der Weitergabe seiner Erfahrungen behalten hat. Für mich ein absolutes Vorbild.

    Danke Maik und weiterhin alles Gute.

  • #5

    Werner (Montag, 30 Mai 2022 10:55)

    Danke für diesen bewegenden Fotobericht, der auch mit Kritik nicht unbedingt spart. Unsere Soldaten kämpfen für Deutschland und die Menschen am Einsatzort. In den Medien wird dies zu wenig gewürdigt. Herrn Briest wünsche ich noch weiter eine gute Gesundheit und sage nochmals Danke für die Möglichkeit hier Informationen aus erster Hand zu erhalten. Werner

  • #4

    Daniela Skrzypczak (Sonntag, 29 Mai 2022 09:13)

    Sehr geehrter Martin, Karl und Frank es freut mich sehr hier Ihre Kommentare zu lesen ja und natürlich auch zu lesen das "Gesichter des Lebens" so gut angenommen wird. Die Macher des Projektes sind aber die Menschen die ich porträtieren und zuhören darf.
    Es ist wertvoll zu wissen dieses "WIR" wächst.
    Danke sagt Daniela Skrzypczak

  • #3

    Frank Schröder (Samstag, 28 Mai 2022 18:44)

    Einmalige Fotografie und dann diesen Kameraden hören und zu lesen.
    Danke das Sie dies tun.
    Ich wünsche Ihnen alles alles Gute.
    Frank Schröder.

  • #2

    Karl Müller (Samstag, 28 Mai 2022 08:49)

    Beeindruckend ... freue mich auf weiteres zu diesen humanitären Fotoprojekt.
    Hochachtung an Sie Frau Skrzypczak und an Sie Herr Briest.
    Menschen wie sie Beide benötigt die Welt einfach mehr. Die Fotografien gehen sehr tief und ihre Offenheit, ihr Einsatz und dieses Gefühl „Soldatsein“ Herr Briest lassen einen vor Hochachtung still werden.

    Frau Skrzypczak ich hoffe das Sie uns weiterhin mit ihrer fotografischen Arbeit beschenken werden und die Bundeswehr ihnen dankt, dass sie zeigen was die Menschen ausmacht.

    Grüsse sendet Karl Müller

  • #1

    Martin (Samstag, 28 Mai 2022 07:39)

    Herzlichen Dank für diesen berührenden und tollen Beitrag. Es ist so wichtig, dass diese Menschen, die für Deutschland gekämpft haben und weiterhin Ihr Leben geben ... Dank und Anerkennung erhalten. Vielen Dank für dieses tollen Interview und die berührenden, nahen Fotos!
    Ich bete für dich Meik und die anderen Veteranen!